Betreutes Wohnen in Familien

Im Betreuten Wohnen in Familien werden Menschen mit einer seelischen Behinderung in Gastfamilien vermittelt und von Fachkräften betreut.

NEU: Die Arkade ist seit kurzem mit dem Angebot Betreutes Wohnen in Familien (BWF) auch in Friedrichshafen vertreten. Sie finden die Arkade dort im Gemeindepsychiatrischen Zentrum (GpZ) Friedrichshafen im 1. Stock. Zwei Mitarbeiter des Betreuten Wohnens in Familien der Arkade sind abwechselnd an 2 Tagen in der Woche im dortigen Büro des GpZ-Friedrichshafen erreichbar. Kontaktdaten siehe links unten!

Was ist Betreutes Wohnen in Familien?

Das Betreute Wohnen in Familien (BWF) ist ein Angebot der Arkade e.V., das bereits seit 1984 besteht.

Unter BWF wird die Vermittlung und längerfristige Begleitung volljähriger seelisch behinderter Menschen in Gastfamilien verstanden.

Für die Versorgung und Betreuung erhält die Gastfamilie ein monatliches Entgelt.

Eine Fachkraft unseres Teams begleitet die Gastfamilie durch regelmäßige Besuche und ist jederzeit Ansprechpartner bei auftretenden Fragen und Problemen.

Wer kann Gastgeber für Betreutes Wohnen in Familien sein?

Für die Aufnahme eines seelisch behinderten Menschen kommen Familien und vergleichbare Lebensgemeinschaften sowie Alleinstehende in Frage.

Neben der Bereitschaft, den neuen Bewohner in den eigenen Alltag mit einzubeziehen, stellt die Familie diesem ein eigenes Zimmer zur Verfügung.

Eine ständige Präsenz ist in der Regel nicht erforderlich.

Wer kann in eine Gastfamilie aufgenommen werden?

Das Angebot des Betreuten Wohnens in Familien ist gedacht für seelisch behinderte Menschen, deren akute Krankheitsphase abgeklungen ist und die zur Bewältigung ihres Alltags Unterstützung und Begleitung benötigen.

Es werden nur solche Bewohner in Gastfamilien vermittelt, deren Eignung durch unseren Fachdienst geprüft wurde.

Was bietet das Betreute Wohnen in Familien?

Der Alltag in der Familie ermöglicht dem seelisch behinderten Menschen am „normalen“ Leben teilzunehmen.

Der familiäre Rahmen bietet ein hohes Maß an persönlicher Freiheit und Lebensqualität für den Bewohner und eröffnet ihm neue Beziehungsmöglichkeiten.

Vergessene alltagspraktische und soziale Fähigkeiten können wiedererlangt werden.

Wie kommt das Betreute Wohnen in Familien zustande?

Wir laden interessierte Gastfamilien zu einem Gespräch ein und informieren uns bei einem anschließenden Hausbesuch über die räumlichen Gegebenheiten.

Parallel dazu lernen wir immer wieder Menschen kennen, die sich für die Aufnahme in eine Gastfamilie interessieren.

In einem ausführlichen Gespräch werden dabei die Erwartungen und Möglichkeiten mit dem Bewerber abgeklärt, um eine geeignete Familie zu finden.

Ist eine passende Familie gefunden findet ein Kennenlerntermin in der Gastfamilie statt.

Bei gegenseitigem Einvernehmen werden anschließend die Kosten der Maßnahme beantragt und der Einzug in die Gastfamilie geplant.

Leben in Gastfamilien für gerontopsychiatrisch erkrankte Menschen

Als weiteres Angebot bieten wir die Betreuung von gerontopsychiatrisch erkrankten Menschen in Gastfamilien an.

In der Regel ist damit eine erhöhte Präsenz der Gastfamilie verbunden, die auch mit einem erhöhten Betreuungsentgelt honoriert wird.

Wir vermitteln Menschen ab dem 65. Lebensjahr, bei denen eine psychische oder demenzielle Erkrankung vorliegt.

Fallbeispiel Herr W.

Herr W. wird seit März 2008 im Rahmen des Betreuten Wohnens in Familien betreut.

Zur Vorgeschichte:

Herr W. wurde 1956 in Süddeutschland geboren. Er war das dritte von sechs Kindern. Er machte einen Hauptschulabschluss und begann anschließend eine Ausbildung bei der Bundesbahn. Diese brach er nach einem Jahr ab; vermutlich war die beginnende Erkrankung der Grund dafür.
1978/79 erfolgte eine erste Alkoholentziehungsbehandlung, es folgten zahlreiche Rückfälle und weitere Entziehungsmaßnahmen.
1981 wurde erstmals eine Psychose diagnostiziert. Diese stand im weiteren Krankheitsverlauf im Vordergrund, verbunden mit einer deutlichen Antriebs- und Affektstörung.
Bis zum heutigen Zeitpunkt erfolgten mehrere Behandlungen in der Psychiatrie.
In der Regel wurde Herr W. verwahrlost und verschuldet in die Klinik eingewiesen.
Trotz erheblicher gesundheitlicher Einschränkungen schaffte es Herr W. immer wieder in eine eigene Wohnung zu ziehen und auf dem freien Arbeitsmarkt eine Beschäftigung zu finden.
Vor der Aufnahme ins BWF war Herr W. mehrere Monate in stationärer Behandlung. Auf Grund des chronischen Verlaufs war Herr W. nicht mehr in der Lage selbständig zu leben.

Verlauf des BWF:

Wir ordneten Herr W. Familie Kaiser zu, die am Bodensee wohnt.
Herr Kaiser ist ganztags berufstätig. Frau Kaiser arbeitet einen Tag in der Woche in einer Einrichtung für geistig behinderte Menschen. Im Haus lebt außerdem noch eine erwachsene Tochter der Familie, sie ist als Schreinerin beschäftigt. Die beiden Söhne der Familie leben bereits außer Haus, kommen aber regelmäßig zu Besuch.
Die Eingewöhnung in die neue Gastfamilie gestaltete sich in der Anfangsphase nicht einfach.
Herr W. war durch die lange Krankheitsphase wenig belastbar. Anfänglich konnte er nur halbtags in einer Werkstatt für behinderte Menschen arbeiten. Zwischendurch wurde er so instabil, dass er zwei Mal zur Krisenintervention in die Klinik eingewiesen werden musste. Nach und nach konnte er sich in seinem neuen Umfeld stabilisieren und inzwischen arbeitet er wieder ganztags. Die Gastfamilie hat durch ihre wohlwollende, aber auch Grenzen setzende Art viel dazu beigetragen, dass sich Herr W. wieder stabilisieren konnte. Die regelmäßige Tagesstruktur, die gemeinsamen Mahlzeiten und die Einbeziehung in den normalen Alltag der Gastfamilie taten Herr W. außerordentlich gut. Er hat auch einen guten Kontakt zu den beiden Söhnen aufgebaut und hat inzwischen auch Anschluss an das private Umfeld der Familie. Sogar im örtlichen Tischtennisverein der Gemeinde ist er aktives Mitglied und geht regelmäßig zum Training.

Fallbeispiel Frau K.

Zur Vorgeschichte:

Frau K. lebte bei ihrer Mutter. Die Eltern waren getrennt, 3 Geschwister lebten beim Vater. Frau K. besuchte die zweijährige Berufsfachschule. Sie hatte bereits mehrere Suizidversuche unternommen, die auch zur Einweisung in die Kinder- und Jugendpsychiatrie geführt hatten. Frau K. ist zum Zeitpunkt der Aufnahme bereits seit mehreren Jahren in ambulanter therapeutischer Behandlung.

Verlauf des BWF:

Frau K. wird mit 19 Jahren zu einer alleinerziehenden Mutter mit achtjähriger Tochter vermittelt.
Als Diagnosen liegen eine Persönlichkeitsstörung, eine Depression und weitere psychosomatische Beschwerden vor.
Frau K. kann anfangs zu ihren Bedürfnissen und Gefühlen kaum etwas sagen. In Gesprächen ist sie einsilbig, reagiert kurz angebunden, manchmal schroff und trotzig. Über Galgenhumor kann sie immer wieder Beziehung aufnehmen. Frau K. benötigt viel Ansprache und Aufmerksamkeit. Das Zusammenleben mit der Gastfrau gestaltet sich auf beiden Seiten sehr ambivalent, ist immer wieder von Unsicherheit und Missverständnissen geprägt.
Es wird deutlich, dass Frau K. eine engere Einbindung ans Familienleben benötigt. Dies ist durch die stundenweise Berufstätigkeit der Gastfrau und dem Zimmer abseits des Wohnbereichs der Familie nicht ausreichend gegeben.
Frau K. wechselt zu einer Gastfrau, die sie während der Urlaubsersatzpflege kennengelernt hat.
Diese ist ebenfalls alleinstehend mit zwei kleinen Kindern. Frau M. macht von Anfang an klar, wo ihre Grenzen sind, wozu sie aber auch bereit ist. Die ersten Monate sind geprägt von heftigen Auseinandersetzungen, Ängsten, Erkrankungen und kleineren Unfällen. Frau K. bricht die Fachschule vorzeitig ab. Es folgen mehrere Praktika an verschiedenen Stellen mit vielen Fehlzeiten und eine berufliche Rehabilitation. Die Gastfrau begegnet dem mit viel Einfühlungsvermögen, praktischem Engagement und einem hohen Maß an Präsenz. Sie vermittelt Frau K. ein Gefühl der Akzeptanz in ihrem „Sosein“, stellt aber in Auseinandersetzungen auch klar, dass sie das BWF-Verhältnis nicht um jeden Preis aufrecht erhält und fordert von Frau K. Eigenverantwortung ein. Sie ist authentisch und hält mit ihrer persönlichen Meinung nicht zurück.

Inzwischen hat sich Frau K. zu einer lebhaften jungen Frau entwickelt, mit einem ganz eigenen Witz.
Sie steht kurz vor dem Abschluss einer Ausbildung und plant mittelfristig den Auszug in eine eigene Wohnung, im Rahmen des „Ambulant Betreuten Wohnens“.